Sonntag, 19. August 2007

Neue Wege im interkulturellen Training beschreiten


Das Bessere ist der Feind des Guten. So nutze ich das Wochenende, um die beiden vergangenen internationalen Seminartage in Bonn Revue passieren zu lassen. 14 Stunden Training zum Thema interkulturelle Schlüsselkompetenzen... Mein Dank gilt Sandra, Jeanette, Petra, Andrea, Daphne, Stefani, Christian, Carmen, Christina, Ruth, Beate und Theresa, die mehr waren als nur ein Publikum. Mit ihren persönlichen Lebensgeschichten und ihren Begegnungen mit anderen Kulturen habe auch ich wieder einmal viel dazu lernen können.

Wie aber sollte der „Blick über den Tellerrand“ optimal gestaltet werden? Nicht wenige Trainer neigen dazu, den Teller plötzlich komplett über den Zuhörern auszuschütten, indem sie sich in Details verlieren. Dabei folgen diese selbst ernannten Gurus einem – aus meiner Sicht – inzwischen falschen Paradigma: um im Ausland nicht aufzufallen, empfehlen Sie, dass wir uns so perfekt wie möglich der fremden Kultur anpassen sollten. Unsere eigene Herkunftsidentität spielt auf einmal keine Bedeutung mehr. Auch ich lege Wert darauf, dass wir den interkulturellen blinden Fleck in unseren Augen erkennen. Gemeinsam mit meinen islamischen Kollegen in Saudi Arabien nach 14 Stunden Hunger und Durst zufrieden und erschoepft das Fasten waehrend Ramadan zu brechen, wenn die Sonne untergeht, ist ein einzigartiges Erlebnis, um in eine andere Kultur "einzutauchen". Keine Hochglanzbilder sondern Dialog der Kulturen pur. Aber irgendwann muss man auch wieder "auftauchen", sonst verleugnet man am Ende die eigene Herkunft und Heimat. Nein, es muss eine Grenze der eigenen Assimilation geben. Diese jenseits des Mainstreams liegende Methodik mutig zu vertreten, liegt im Verantwortungsbereich von uns Trainer.

Falsch verstandener Perfektionismus führt dazu, dass wir uns am Ende nicht mehr trauen, eine einfache englische Konversation zu führen. Dabei sind unsere chinesischen, arabischen oder japanischen Verhandlungspartner nicht automatisch sprachbegabter. Aus meiner Sicht ist es daher sehr viel wichtiger, ein ganzheitliches Dach zu konstruieren, unter dem die Seminarteilnehmer sich selber einrichten können und genügend Platz vorhanden ist um laufend neue Erfahrungen unterzubringen. Ähnlich falsch verstandener Perfektionismus wird durch lange Tabulisten der Trainer gepflegt. Die dabei konstruierten Beispiele haben Sonderschulcharakter und helfen dem Seminarteilnehmer nicht, sich ein eigenes interkulturelles Entscheidungssystem aufzubauen. Interessanter wäre es dann zu erfahren, wie man / frau sich bei einem bislang unbekannten, aber leider aufgetretenen Fehler entschuldigt ohne das eigene Gesicht zu verlieren.

Ein weiterer fataler Trainerrat lautet: „Machen sie einen weiten Bogen um politische und religöse Diskussionen.“ Inzwischen wollen meine eigenen internationalen Gesprächspartner sehr genau wissen, wie meine politische Meinung aussieht und ob ich ein gottesfürchtiger Mensch bin. Also muss das Training genügend Zeit mitbringen, um sich der Geschichte und dem Glauben unserer internationalen Partner zu widmen. Spannend wird es vor allem dann, wenn wir auf dieser Entdeckungsreise mehr über uns selber erfahren.

Westliche und Östliche Medien neigen dazu, ausschleißlich die Unterschiede zwischen den Kulturen aufzuzeigen. Dabei gibt es mehr Gemeinsamkeiten als wie uns vorstellen. Beispielsweise kennen Koran wie Bibel eine Paradiesgeschichte mit Adam und Eva. Der kleine aber feine Unterschied besteht darin, dass der islamische Gott den Sündern vergibt. Die Christen vererben diese Sünde in die kommende Generation. Jesus wird als einer der führenden Propheten auch im Koran zitiert. Der kleine aber feine Unterschied besteht aber darin, dass Jesus Christus laut der Bibel hingerichtet wird. Ebenso sind die gefühlten Unterschiede zwischen Schiiten und Sunniten sehr viel kleiner, als es uns insbesondere CNN und BBC verkaufen wollen. Wer die über den gesamten Globus verteilten geinsamen Wurzeln der Menschheit und den einzelnen heiligen Büchern erkennt, wird beim Tanz der Kulturen nicht stolpern.

Somit leite ich meine persönlichen Thesen für eine verbessertes interkulturelles Training in der Zukunft ab:
1. Situative Handlungskompetenz statt perfektionistisches Detailwissen.
2. Nutzung von Politik- und Religionswissen, um das Risiko oberflächlicher Geschäftsbeziehungen zu vermeiden
3. Suche nach Gemeinsamkeiten statt nach Unterschieden, um so die Grundlage für einen Dialog der Kulturen und nicht deren Kampf zu legen.
4. Interkulturelle Trainerduos oder zumindest Einsatz von Trainern, die nachweislich längere Zeit in einer echten internationalen Führungsverantwortung gestanden haben, um stereotypische Didaktik zu umgehen.
5. Neben allgemeinen interkulturellen Besonderheiten ist es hilfreich, wenn der Seminarleiter oder das Trainerduo auch die männliche und weibliche Perspektive wiedergibt. Heutige Seminare neigen zu einer einseitigen Projektion maskuliner Geschäftspraktiken.

Da niemand im Besitz der alleinigen Wahrheit ist, würde ich mich freuen, wenn diese Thesen einen Ausgangspunkt für weitere Verbesserungsvorschläge, Kooperationsansätze oder auch nur Denkanstöße für ein verbessertes Miteinander von Ost und West darstellen könnten.

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